Rede vom 18. Juni 2016 anlässlich der Zukunftswerkstatt “Frauen in Bewegung +20“ im Landesmuseum Bonn von Michiko Park, Frauenhaus Troisdorf

Wie war die Entwicklung in den letzten 20 Jahren und was hat sich positiv dabei bewährt?

Wenn die älteren Kolleginnen berichten, dann lagen die Anfänge buchstäblich auf der Straße.

Die Straße blieb den betroffenen Frauen als Ausweg nach einer Gewalt Attacke. Frauenhausplätze und Schutzwohnungen waren rar.  Heute gibt es mehr Frauenhäuser, doch immer noch zu wenige, um allen Schutz bieten zu können.

Auf die Straße gingen die Kolleginnen, um für das Thema Gewalt gegen Frauen zu mobilisieren.  Ein dickes Brett , das bis heute nicht durch ist. Schulterschluss mit anderen Frauenprojekten hilft und auch das mittlerweile  wachsende Anerkennen des Themas in Jugendhilfe, Justiz und Politik. Alles noch lange nicht so laut und deutlich, wie wir uns das wünschen. 

Das Inventar der erkämpften Häuser wurde zum großen Teil vom Sperrmüll oder durch Sachspenden organisiert. Die Zimmer wurden zusammengewürfelt von der Straße. Heute gibt es einen gestiegenen Anspruch an die Ausstattung. Wir möchten dem Chaos, aus dem die Familien kommen, etwas entgegen setzen durch freundliche Farben, robuste Möbel und schöne Bettwäsche.

Bis heute braucht es Kraft, Engagement und Kreativität, in einem Frauenhaus zu arbeiten. Aus der Bewegung wurden Initiativen, wurden selbstverwaltete flexible Träger von Beratungsstellen und Frauenhäusern. Wir sind in unserer Organisationsform Kleinode. Die Autonomie ermöglicht Schnelligkeit, unbürokratische und manchmal ungewöhnliche Hilfen, gezieltes Handeln und in die Wege leiten. Alles was eine Frau nach einer Gewaltbeziehung braucht, um sich einen Plan machen zu können vom Leben danach.

Wir in Troisdorf sind dabei das Konzept weiter zu entwickeln. Vom Frauenhaus zum Frauen- und Kinderschutzhaus. Wir nehmen die Kinder mehr in den Blick. Sie sind für uns nicht nur mitgebracht und dabei.

20 Personen leben in unserem Haus, 8 Frauen und 12 Kinder. Sie kommen aus Gewaltsituationen oder Gewaltverhältnissen. Daraus resultiert eine Reihe von Folgen, die die Kinder belasten. Neben dem Schutz des Frauenhauses und der minimal Betreuung (1 Erzieherinnenstelle), wollen wir künftig den Qualitätsanspruch in der Arbeit mit den Kindern deutlich erhöhen. Hier zu sparen, ist in unseren Augen fahrlässig und unklug. Nach der durchbrochenen Gewaltspirale gibt es Anlass zur Hoffnung, wenn man auch mit den Kindern  Einzelfallarbeit leisten kann.

Nur so kann man gewähren, dass man einen differenzierten Blick auf das Kind und seine Situation entwickelt. Die Folgen der Gewalterfahrung, der Flucht und der neuen Umgebung sind für Kinder besonders vielschichtig.

Während die meisten Frauen froh über die Distanz zum Ex-Partner sind und die neue Umgebung als hoffnungsstiftend erleben, haben die Kinder Vertrautes verlassen, können sich vielleicht den Schritt der Mutter nicht erklären. Sie freuen sich über die neuen Kinder der Mitbewohnerinnen und wollen spielen, gleichzeitig vermissen sie gegebenenfalls den Vater oder sind verstört über das Erlebte, sie müssen in eine neue Schule gehen und im Verlauf der Frauenhauszeit kommt es zu einem Sorgerechtsverfahren oder zu Umgangskontakten. Es braucht Zeit und ein sensibles Umgehen mit jedem einzelnen Kind.

Wie wird das Thema aktuell wahrgenommen/ diskutiert? Wie sehen die Realitäten der Betroffenen aus und wie nimmt die Gesellschaft sie wahr?

Ich bin ernüchtert! Gewalt gegen Frauen wird nach wie vor bagatellisiert. Scheinbar brauchen wir ein Ereignis wie in der Silvesternacht, um dann aber doch um das Thema herum zu reden. Es waren die Anderen, die Fremden auf die wir getrost zeigen können. Dabei erleben und erleiden Frauen und Kinder jeglicher Herkunft Gewalt. 

Meist ist es Häusliche Gewalt. Zu Hause im gewohnten Umfeld. Verübt von einer Person des Vertrauens. 

Gewalt in jeglicher Form.  Oft ist die körperliche Gewalt oder sexuelle Gewalt im Fokus von Berichterstattung.

Wir erleben aber, dass die Frauen auch häufig von der psychischen Gewalt, von Bedrohungen, Isolation berichten. Den Frauen wird verboten sich mit anderen zu treffen. Häusliche Gewalt ist so vielschichtig und perfide. Über kein Konto zu verfügen, die Kinder zu instrumentalisieren, mit dem Jugendamt zu drohen, die Definition von ´Was ist weiblich? Was ist männlich?´ zu bestimmen.

Faktoren, wie Armut, wenig Bildung, soziale Isolation und immer noch Migration sind altbekannte Verstärker für Gewaltbeziehungen.

Diese Facetten der Gewalt sind selten Thema. 

Perspektiven: („wenn ich einen Wunsch frei hätte…“) – was sollte sich ändern/ gefördert werden? Welche Empfehlungen können die Expertinnen geben?

Ich würde mir wünschen es heißt nicht mehr ein Familiendrama, sondern häusliche Gewalt!

Mehr Personalstunden für den Mädchen- und Jungenbereich.

Eine gesicherte Finanzierung der Fraueninfrastruktur.

Dass, Akteure wie Jugendamt, Familiengericht, vielleicht auch Jobcenter sich informieren über die Formen und Folgen häuslicher Gewalt für Frauen und Kinder und erst dann Entscheidungen Fällen und Hilfen installieren.

Ich wünsche mir, dass Frauenhäuser als Fachstellen anerkannt und genutzt werden. Wir sind tatsächlich Expertinnen für das Unfassbare. Wir kennen die Dynamik in Gewaltbeziehungen, kennen Auswege, Gründe für Rückkehr. Wir sind den Frauen und Kindern nah – sehr nah.